Germanische Demokratie

Das Herrschafts- und Gesellschaftssystem der Germanen kann man als germanische Demokratie bezeichnen, da die Herrschaft ihre Grundlage im Willen der freien Männer hatte.

Diese fanden sich in der Volksversammlung, dem Thing, zur Beratung und Entscheidung in allen die Gemeinschaft betreffenden Fragen Sach- und Personal-Fragen zusammen. Die Führer (Fürsten, Herzöge, Könige) wurden im Frieden und im Krieg durch Wahl bestimmt. Jeder freie Mann genoß die gleichen Grundrechte, insbesondere das Recht der freien Rede vor der Volksversammlung, das gleiche Stimmrecht und nach Maßgabe seiner Fähigkeiten den gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern.

Entwicklung

Indogermanische Tradition

Im Gegensatz zum Orient war der absolute Despotismus in Europa oder bei den ursprünglich nordisch-indogermanischen Völkern, die sich ausserhalb Europas niedergelassen hatten, ausgesprochen selten. Ob in Rom, in der Ilias, im wedischen Indien oder bei den Hethitern: Die Existenz einer Volksversammlung sowohl als militärischer wie auch als ziviler Organisation ist sehr früh nachweisbar. Ferner wird der König bei den indogermanischen Völkern meistens gewählt: alle früheren Monarchien waren Wahlmonarchien.

Von den Germanen zum Deutschen Reich

Tacitus berichtete, wie bei den Germanen „die Führer wegen ihrer Tugend und die Könige wegen ihres Adels gewählt wurden“ („reges ex nobilitate, duces ex virtutes summunt“).

In der fränkischen Zeit blieb die Thronfolge lange Zeit elektiv und erblich zugleich. Erst nach Pippin dem Jüngeren wurde der König nur noch innerhalb derselben Familie gewählt. In Skandinavien ist der König der Gewählte eines provinzialen Things, und seine Wahl muß von den übrigen Volksversammlungen des Landes bestätigt werden. Bei anderen germanischen Völkern wird die Erhebung auf den Schild geübt.

Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde durch die Stammesfürsten der deutschen Stämme (nur der deutschen) gewählt, die Kurwürde wurde seit der Goldenen Bulle von 1356 von einem Kollegium von sieben Kurfürsten ausgeübt. Fast überall in Europa wandelte sich die Wahlmonarchie ab dem 12. Jahrhundert zur Erbmonarchie, die sich die Macht mit einem Parlament teilen mußte.

In allen früheren europäischen Gemeinschaften verleiht die Eigenschaft des freien Menschen politische Rechte (Freie, Frilinge). Die „Bürger“ bilden freie Volksgemeinden und verfügen über kommunale Freibriefe oder Rechte in freien Reichsstädten. Die Monarchien sind von Räten umgeben, mit denen sie ihre Entscheidungen treffen. Der Einfluß des Gewohnheitsrechts auf die juristische Praxis ist auch ein Zeichen für die Anteilnahme des Volkes an der Gesetzesbestimmung. Kurzum, man kann nicht sagen, daß die früheren Monarchien einer Legitimierung durch das Volk entbehrten.

Fortleben der germanischen Tradition in Island und in der Schweiz

Das isländische Althing (eine Bundesversammlung, deren Mitglieder jedes Jahr in der stimmungsvollen Landschaft des Thingvellir zusammenkamen) trat bereits im Jahre 930 ins Leben. Adam von Bremen schreibt um 1076: „Sie haben keinen König, sondern nur das Gesetz.“ Das Thing, oder die lokale Volksvertretung, bestimmt zugleich einen Ort und einen Sammelplatz, wo die Freien, die gleiche politische Rechte innehaben, zu einem festgesetzten Zeitpunkt zusammenkommen, um das Gesetz zu verkünden und Gericht zu halten. In Island genießt der freie Mann zwei unveräußerliche Vorrechte: das Waffentragen und seinen Sitz im Thing.

Auch in der Schweiz bestehen bis auf den heutigen Tag Formen der direkten Demokratie, die in den alten germanischen Volksrechten ihren Ursprung haben. Sie sind durch die Zeit der Reichszugehörigkeit hindurch immer wieder bestätigt und nach dem Ausscheiden der Schweiz aus dem Reich (1648) erhalten geblieben. Die Schweizer Demokratie stellt eine Sonderentwicklung der germanischen Demokratie dar.

Nationalsozialismus und Germanische Demokratie

Der nationalsozialistische Politiker und Führer Adolf Hitler erwähnt in den Auflagen von „Mein Kampf“ bis 1930 die „germanische Demokratie“, ohne den Begriff inhaltlich klar zu bestimmen Bei der Überarbeitung von Mein Kampf 1930 wurde „germanische Demokratie“ durch „unbedingte Führerautorität“ ersetzt.

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