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Sklaven im Kristallpalast

Filed under: allgemein — von Volksgenosse @ ´

Die Reize des Westens könnten diesen am Ende auch zerstören. BN-​Redakteur Johannes Schüller mit einem Mehrteiler über die Interessen der Wirtschaft an Einwanderung.

Anlässlich des sechsten Integrationsgipfels der Bundesregierung im Mai 2013 forderte Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), mehr gut ausgebildete Einwanderer nach Deutschland zu holen. Geschuldet sei das dem notwendigen Fachkräftemängel. Um die Integration zu erleichtern, sollte auch endlich die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt werden, so Rösler. Beifall bekam er vor allem von Vertretern der Wirtschaft.

Konkurrenz um die billigsten Löhne

In allen größeren Städten müsse der Staat „Welcome-​Center” für die Einwanderer eröffnen, verlangte der „Deutsche Industrie– und Handelskammertag”. Die Grünenpolitikerin Claudia Roth, ansonsten nicht als Unterstützerin der Liberalen bekannt, schloss sich den Forderungen von Politik und Wirtschaft ebenso an wie Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Insbesondere gut ausgebildete Zuwanderer aus den EU-​Staaten sollten sich in Deutschland niederlassen, so der einvernehmliche Ton.

Den einhelligen Beifall störten wenige, darunter eine radikale Linke. Im Neuen Deutschland vom 15. Juli schrieb Sarah Wagenknecht: „Erst zerstören Barroso, Merkel & Co. die Wirtschaft in den Krisenstaaten und vernichten Millionen Arbeitsplätze, dann werden die talentiertesten Jugendlichen abgeworben. Es geht der Bundesregierung nicht darum, junge Menschen zu unterstützen, die ihren Horizont erweitern und aus freien Stücken eine gute Arbeit in Berlin, Paris oder Madrid suchen. Es geht um Migration aus Not.” Die „zynische Abwerbeinitiative Röslers” stütze die Tatsache, „dass Beschäftigte und Erwerbslose europaweit um die billigsten Löhne konkurrieren.” Zugleich falle es dadurch bereits in Deutschland lebenden Arbeitslosen schwerer, eine vernünftige Stelle zu bekommen.

Chinesische und indische Einwanderungswellen nach Afrika

Die Not der einen ist der Gewinn der anderen: Die personelle Verquickung von Politik und Wirtschaft bildet den Kern jener Einwanderungslobby, die die ökonomische Krise der südeuropäischen Staaten für sich zu nutzen weiß. Es genügt jedoch nicht, dieses Modell allein auf den EU-​Raum zu übertragen. Massenwanderungen sind ein weltweites Phänomen, deren politische Steuerung und Motivlage verschieden gelagert sind. Wem ist schon bekannt, dass es eine anhaltende und große Auswanderungswelle von Chinesen und Indern nach Afrika gibt? Im bei Madagaskar gelegenen Inselstaat Mauritius stellen Inder bereits die Bevölkerungsmehrheit. Eine Million Chinesen leben in Afrika, häufig isoliert von der afrikanischen Bevölkerung. Viele von ihnen sind direkt oder indirekt in Chinas massive Expansion auf dem afrikanischen Kontinent involviert ‒ nützliches Fußvolk einer neuen Form von Kolonisation.

Europa und die USA bilden aber zweifelsohne das verheißungsvollste Ziel weltweiter Auswanderung. Wenn es Wohlstand zu gewinnen gilt, dann am ehesten in diesen Regionen. Diesen schillernden Außenglanz des Westens, parallel zum sich gleichzeitig andeutenden Zerfall, zeichnet Peter Sloterdijk in seinem 2005 erschienenen Buch Im Weltinnenraum des Kapitals als „Kristallpalast”. Dieses Symbol illustriert gut, welche starke Anziehungskraft der Westen auf Einwanderer ausübt. Sie stammt aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.

Gemeint war damit offenbar das monumentale Gebäude der Weltausstellungen von 1851 und 1862 in London: Das Bauwerk bestand ganz aus Glas und Gusseisen, wurde künstlich klimatisiert und verfügte über eine Ausstellungsfläche von 30.000 Quadratmetern. „Mit seiner Errichtung überschritt das Prinzip Interieur eine kritische Schwelle: Es bedeutete von da an weder die bürgerliche oder aristokratische Wohnung noch deren Projektion in die Sphäre der städtischen Einkaufsarkaden ‒ es setzte vielmehr dazu an, die Außenwelt als ganze in ein magische, von Luxus und Kosmopolitismus verklärte Immanenz zu versetzen”, so Sloterdijk.

Der Kristallpalast als Symbol des Westens

Dieser Kristallpalast ist ein Bau nach der Geschichte: Seine Ingenieure versprechen Wohlstand, Komfort, inneren Frieden und vor allem die vollendete Planbarkeit des Lebens. Laut Sloterdijk herrscht in ihm ein Kult des Konsumismus: „Der kapitalistische Baal, den Dostojewskij im schockierenden Anblick des Weltausstellungspalastes und der Londoner Amüsiermassen zu erkennen meinte, nimmt nicht weniger in dem Gehäuse selbst Gestalt an als in dem hedonistischen Trubel, der in seinem Inneren herrscht.” Der Kristallpalast zeigt sich als „großes Treibhaus” und „imperiales Kulturmuseum” zugleich, so Sloterdijk.

Zur ersten Weltausstellung in London versammelten sich unter seinem Dach 17.000 Aussteller ‒ allein 7.200 von ihnen kamen aus Großbritannien und seinen Kolonien. Der Monumentalbau repräsentierte den Wohlstand eines globalen Empire auf dem Höhepunkt der Macht. Eben jener Glanz des Weltreiches war es auch, der während des britischen Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren zahlreiche Untertanen des Commonwealth aus Schwarzafrika, Indien und Pakistan ins Herz des Empires lockte. Als der Wohlstand 1962 mit der ersten Krise der britischen Wirtschaft bröckelte und der Verfall des Empires begann, brachen zugleich die Konflikte und Bruchlinien zwischen Eingewanderten und Eingeborenen auf. Der Traum vom stets leuchtenden Kristallpalast zerbrach.

Die ersten Risse an der Fassade

Die Idee eines „Neuen Menschen”, der diesen Monumentalbau des Konsums und Warenaustauschs errichten und hegen sollte, kündigte sich bereits um 1860 an. Es war der Fortschrittsoptimismus der Industrialisierung, der zugleich vom Glauben an eine „vollzogene technische Lösung der sozialen Frage” begleitet wurde. 1848 erschien das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels in London. „Der Sozialismus-​Kommunismus war einfach die zweite Baustelle des Palastprojektes. Nach ihrer Schließung liegt auf der Hand, daß der Kommunismus eine Etappe auf dem Weg zum Konsumismus war”, schreibt Sloterdijk.

Heute ist es die von Weißen geschaffene Erste Welt, die sich in ihrem ganzen materiellen Reichtum präsentiert. Dahinter verbirgt sich zugleich eine Ideologie, die den Bewohnern des Palastes das harmonische Zusammenleben aller verspricht. Auf die zwei Dritteln der Weltbevölkerung, die nicht im Kristallpalast des Westens sitzen, wirkt er als durchlässige Einheit, als Realisierung einer Utopie. Zugleich ist der Palast als „Initiative zur Weltbeglückung und Völkerverständigung” auf stetige Expansion ausgelegt. Damit treffen sich zwei Interessen: Die illusionäre Hoffnung der Einwanderer, ein die eigene Existenz absicherndes Paradies zu betreten ‒ zumindest im Verhältnis zu ihren vorherigen Lebensumständen ‒ und das Interesse des Westens, die Größe seines Palastes mit Menschenmasse aufzufüllen.

Arbeit hat heute vielfach nichts mehr mit einer schöpferischen Tätigkeit zu tun

Doch der Kristallpalast stellt Bedingungen: Wer zu ihm gehören will, muss Kapital erbringen. In seinem „Europäischen Manifest für das 21. Jahrhundert”, dem 1999 erstmals auf Deutsch erschienenen Aufstand der Kulturen, nennt Alain de Benoist eine „Ideologie der Arbeit” als wesentliche Integrationsforderung der westlichen Moderne.

Sie definiere sich jedoch nicht aus dem Sinn der Tätigkeit als solchem, sondern aus ihrem Zweck: nämlich materiellen Gewinn zu erwirtschaften. Anders als im ständisch und korporativ geprägten europäischen Mittelalter sei mit der Arbeit kein spezifischer Ethos, keine an Beruf und Handwerk geknüpfte Tradition, Wertvorstellungen und soziale Sinnstiftung verbunden, so Benoist. Der Wert einer Tätigkeit spiegele sich in der Moderne nicht in dem schöpferischen Prozess an sich, sondern in dessen Nutzen, neues Kapital zu erzeugen. Diese sogenannte „Ideologie der Arbeit” ist jedoch ‒ das unterschätzt Benoist ‒ nur einer von vielen Aspekten in einer Ordnung, die sich vor allem durch stetigen materiellen und sozialen Fortschritt legitimiert.

Arbeit spielt jedoch heute die entscheidende Rolle, wenn es um die Integration der Einwanderer geht. Politische oder kulturelle Werte bleiben sekundär. Wer sich fähig zeigt, den Glanz des Kristallpalastes auszudehnen, darf mit Akzeptanz rechnen. Doch diese Erklärung wäre zu einfach und wenig schlüssig, um die Nützlichkeit großangelegter Einwanderung für ökonomische Interessen zu erklären. Auch ein Einwanderer, der nicht arbeitet, kann für ideologische und ökonomische Interessen brauchbar sein ‒ sei es als Instrument des Multikulturalismus oder als Teil einer „Reservearmee” billiger Arbeitskräfte.

Einwanderer als Schachfigur politischer und ökonomischer Interessen

Einwanderung im großen Stil liefert weitere Konsumenten wie Wähler. Zugleich stellt sie neue Machtfragen und vermag es, Gesellschaften erheblich umzugestalten. Schachfiguren in diesem Spiel sind nicht allein die Einheimischen, sondern auch die Einwanderer. Deshalb lohnt sich ein Blick aus ihrer Perspektive. „Im globalisierten Kapitalismus sind die Flüchtlinge tatsächlich nicht nur Opfer, sondern können auch eine Waffe der Veränderung sein ‒ allerdings nicht im Interesse der Emanzipation, sondern für die Zwecke des Kapitals”, beschreibt der linksnationale Renegat Jürgen Elsässer 2009 in Nationalstaat und Globalisierung den Zweck forcierter Einwanderung.

Diese Argumentation, die so dialektisch-​klassenkämpferisch daherkommt, hat freilich eine Schwachstelle: Sie setzt eine zentrale, an ökonomischen Aspekten orientiere Steuerung und Beschleunigung voraus und unterschätzt die Eigendynamik von Masseneinwanderung, etwa durch Familiennachzug. Die bewegt sich längst jenseits der Macht linker und liberaler, kapitalistischer Sozialingenieure. Der Kristallpalast hat sich seine Hydra geschaffen.

siehe hier

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