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Tag der Deutschen Einheit: Wer hat Euch verraten?

Filed under: Demokratie — von Volksgenosse @ ´

Als wir noch Kinder waren, habt ihr uns immer versucht rauszuhalten. Die Träume und Sehnsüchte, die ihr hattet, waren zu gefährlich und ein leichtfertiges Wort von uns im Kindergarten, in der Schule, hätte alles nur verschlimmert. Wir waren zu jung, um verstehen zu können, in welcher Situation wir zu leben gezwungen waren, haben das Gespräch unter der verdeckten Hand immer nur als eine normale Handlung wahrgenommen.

Den schmunzelnden Blick der Frau, die neben uns auf der Bank saß, als wir einen Ausflug nach Berlin machten und ihr uns gefragt hattet, was das für ein Land sei, das da auf der anderen Seite des großen Tores mit der Quadriga liegt, den habe ich erst später richtig deuten können. Wir zählten damals alle uns bekannten Länder auf: Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, die UdSSR, all die Länder, auf die sich unser Blick damals nur reduzieren konnte. Es war mein verwunderter Ausdruck, den die Frau zum Schmunzeln brachte, als ihr sagtet, dass das Land auf der anderen Seite auch Deutschland sei.

Ein paar Jahre waren vergangen, es war mitten in der Nacht, da hattet ihr uns voller Aufregung geweckt und aus den Betten geholt. Mit Tränen in den Augen hattet ihr unsere noch schlaftrunkenen Körper umarmt und unentwegt davon gesprochen, dass wir nun endlich rüber können. Wir packten ein paar Sachen zusammen, und noch ehe die Sonne aufging, wurde mir bewusst, wohin die so überstürzte Reise gehen sollte: rüber, in das andere Land, das andere Deutschland.

Die elende Mauer war gefallen und begrub unter ihren Trümmern den einen verhassten Besatzerstaat auf deutschem Boden. Nun hatten sich endlich eure Träume erfüllt. Ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung, so hattet ihr gesagt, sei nun möglich und mit völliger Selbstverständlichkeit spracht ihr davon bei euren ersten freien Wahlen den zu wählen, der euch die D-Mark brachte. Die großen Männer jener Zeit, die heute so unendlich klein wirken, machten damals große Versprechungen, zeichneten euch Bilder von blühenden Landschaften und es müssen wohl diese Versprechungen gewesen sein, die euch den Blick trübten, dass ihr damals nicht sehen konntet, dass nicht sie, sondern ihr selbst es gewesen seid, die euch die D-Mark brachten – genau so, wie ihr selbst sie euch wieder nehmen lassen habt.

Was ist heute noch geblieben, von all euren Träumen und Sehnsüchten? Sicher, ihr könnt heute kaufen, was ihr wollt, aber wolltet ihr nicht eigentlich mehr? Was ist geworden, aus dem Leben, das ihr uns damals „wir sind, das Volk“ rufend geglaubt habt zu erkämpfen? Wo ist sie, die Freiheit und Selbstbestimmung? Ich konnte sie nicht hören, als mir der Arbeitsvermittler befahl meine Heimat, meine Freunde zu verlassen. Ich konnte sie nicht spüren, als ich mich dagegen auflehnte und die Knüppel der Staatsschützer unsere Demonstration auseinander schlugen. Und ich kann sie nicht mehr sehen, wenn ich in eure Augen blicke.

Heute frage ich mich, ob ich versuchen sollte, euch aus unseren Träumen und Sehnsüchten herauszuhalten. Doch ihr seid unsere Eltern, nicht unsere Kinder, könnt gewiss die Situation verstehen, in der wir nun zu leben gezwungen sind, und wisst genau, dass das Gespräch unter der verdeckten Hand keine normale Handlung ist. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass sich unser Leben heute dem zu gleichen scheint, das ihr damals leben musstet. Dass sich die Parolen der Herrschenden in gleicher Weise wiederholen und die Umkehrung dessen in gleicher Weise zur Normalität werden.

Einst musstet ihr 28 Jahre kämpfen, um die Mauer, die niemand vorhabe zu errichten, wieder zu fall zu bringen. Wie lange sollen wir es, bis aus den verlassenen Neubauschluchten und den brachliegenden Fabriken tatsächlich „blühende Landschaften“ werden? Wie lange wird es dauern, bis ihr begreift, wer euch verraten hat, bis ihr euch, in unseren Aktionen wiedererkennt?

Aktionsbündnis Leipzig

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2 Kommentare »

  1. Schön geschrieben. Bringt es auf den Punkt.

    Kommentar von volkszorn — ´ @ ´ | Antwort

  2. “Wir sind das Volk”:

    “Herrschsucht und Unduldsamkeit sind für die Massen sehr klare Gefühle, die sie ebenso leicht ertragen, wie sie sie in die Tat umsetzen. Die Massen erkennen die Macht an und werden durch Güte, die sie leicht für eine Art Schwäche halten, nur mäßig beeinflußt. Niemals galten ihre Sympathien den gütigen Herren, sondern den Tyrannen, von denen sie kraftvoll beherrscht wurden. Ihnen haben sie stets die größten Denkmäler errichtet. Wenn sie den gestürzten Despoten gern mit Füßen treten, so geschieht das, weil er seine Macht eingebüßt hat und in die Reihe der Schwachen eingereiht wird, die man verachtet und nicht fürchtet. Das Urbild des Massenhelden wird stets Cäsarencharakter zeigen. Sein Helmbusch verführt sie, seine Macht flößt ihnen Achtung ein, und sein Schwert fürchten sie. Stets bereit zur Auflehnung gegen die schwache Obrigkeit, beugt sich die Masse knechtisch vor einer starken Herrschaft. Ist die Haltung der Obrigkeit schwankend, so wendet sich die Masse, die stets ihren äußersten Gefühlen folgt, abwechselnd von der Anarchie zur Sklaverei, von der Sklaverei zur Anarchie.”

    Gustave Le Bon (Psychologie der Massen)

    Erst denken, dann handeln:

    http://www.swupload.com//data/Das-Juengste-Gericht.pdf

    Kommentar von Stefan Wehmeier — ´ @ ´ | Antwort


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