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Schweigen im Sturm Teil zwei

Filed under: allgemein — von Volksgenosse @ ´

Dunkelgrüne Tür, zehn kleine Fenster, eine handvoll Aufkleber. Auf kleinen Motiven: Volksaufstand, Überwachung, Medienlügen. Vor der Wohnungstür liegen Sägespähne und sie steht offen – das Schloss passt nicht. Alles wirkt ein wenig unaufgeräumt, die Beamten sind erst seit zwei Stunden weg. Sie hatten ihn noch mit auf das Revier genommen und erkennungsdienstlich behandelt; Fingerabdrücke, DNA-Entnahme und jede Menge Fotos. Sie haben ihn wieder zu seiner Wohnung gefahren, denn er hatte heftig protestiert, vom Revier zu Fuß nach Hause laufen zu müssen, denn das war er irgendwie wirklich: zu Fuß. Sie hatten alle Schuhe mitgenommen. Damit wollen sie ihn identifizieren.

Es klingelt an einer anderen Tür: Zwei Herren vom Verfassungsschutz stehen dort, gut gekleidet, mitte dreißig. Mit dem Sohn wolle man sprechen. Das Gespräch bleibt kurz, aber die beiden Männer haben schnell alles gesagt. Sie wissen was er macht – böses Gucken und richtiges Betonen helfen. Dann ist da ja noch das neue Auto, das er abbezahlen und die neue Arbeit, bei der er sich sicher erst noch bewähren muss. Will er das alles aufs Spiel setzen?

Vielleicht 500 Meter vom Campus der Technischen Universität Chemnitz befindet sich im Pegasus-Center die Zentralbibliothek für Geisteswissenschaften. Ein junger Student verlässt sie, geht zu seinem Auto. Zwei Männer, jung und sportlich, scheinen zu warten. Sie sprechen ihn mit Nachnamen an, wollen mit ihm reden. Er sagt, sie sollen verschwinden und steigt ein. Einer der beiden kramt einen Ausweis heraus, drückt ihn an die Fahrertür, der andere versucht die Beifahrertür zu öffnen. Vollgas und weg.

Von 1990 bis 2002 strengte man in der Bundesrepublik genau 108 562 politische Verfahren aufgrund gewaltfreier Meinungsdelikte an. Verrechnet mit den Zahlen der Verfassungsschutzberichte von 2003 bis 2010, dürfte in den kommenden zwei oder drei Jahren spätestens die halbe Million erreicht worden sein. Etwa 7,5 Millionen Akten liegen in Bonn mit dem Vermerk »Verschlusssache«. Anfang 2011 wurden sie für weitere 100 Jahre gesperrt – der Vorsicht halber.

Vor einer Wohngemeinschaft warten Polizisten in zivil. Sie scheinen sich zu notieren, wer wann das Mehrfamilienhaus verlässt oder betritt. Kurz nachdem das den Bewohnern aufgefallen ist, wird ihre WG durchsucht. Über 300 Sachbeschädigungen aus den vergangenen zwei Jahren werden ihnen vorgeworfen. Plakate, Aufkleber und Wandmalereien. Sprühdosen oder Eddings finden sie keine, stattdessen beschlagnahmen sie Filzstifte und CD’s.

Irgendwo in der Nähe von China heißt es in einem Video, das vor rund 20 Tagen im Internet erschienen ist. Nur haben wir einen Vorteil: Wir haben alle Möglichkeiten, das Schweigen zu durchbrechen. Für unseren dritten Teil der Reihe Schweigen im Sturm, konnten wir einen Polizisten finden – oder er fand uns -, der mit uns über das redet; was er von all dem hält, wie er sich dabei fühlt, wenn er auf Demonstrationen ist oder eine Wohnung durchsuchen muss.

Mauerbluemchen

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