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Schweigen im Sturm Teil eins

Filed under: allgemein — von Volksgenosse @ ´

Kurz vor sechs Uhr. Es knallt und quietscht im Treppenhaus. Ich denke an einen schlechten Traum und drehe mich um. Da tritt auch schon jemand lautstark gegen meine Wohnungstür – ich habe leider keine Klingel, denn unerwartet kommt nur ungebetener Besuch. »Aufmachen, Polizei!« schreit eine erkennbar aufgeregte Stimme. Ich erkenne die Situation, die ich so oft in Gedanken durchgespielt habe, von der Ältere mir so oft schon berichtet haben.

Bis zum Rechner sind es zwei Schritte. Mein System läuft auf einer externen Platte, wie bei all meinen Freunden. Die Platte flutscht in das vorgesehene Versteck, an ihre Stelle stöpsle ich eine leere – natürlich ist auch sie verschlüsselt, es soll ja spannend werden für die Profis. Das alte Handy kommt von unter dem Nachtisch nach auf den Nachttisch, das neue kommt … ihr wisst es schon. Keine zehn Sekunden hat das gedauert – besser als in jedem Testlauf. Ich gehe zur Tür und öffne. Sofort werde ich an der Wand fixiert und abgetastet. Ich hab ja nur einen Schlafanzug an, also dauert es nicht lange. Jetzt gibt es was zum Lesen. 60 Seiten. Ich soll den Empfang quittieren. «An die Vereinigung … zu Händen von Herrn …« – das kann ja wohl nicht wahr sein. Sollte ich nach der Erstsemesterparty vielleicht irgendein Aufnahmeformular im Vollrausch unterschrieben haben? Ich kann mich nicht erinnern, aber vorsichtshalber unterschreibe ich heute gar nichts mehr. Auf einem Zettel steht »Geheimhaltung bis heute sechs Uhr«. Na wenigstens das scheint zu klappen, denke ich und mache erst mal das Radio an.

Ein Schlager sorgt für gute Laune am Morgen. Eine Hose ziehe ich mir noch drüber, dann setze ich mich mit einem Becher Joghurt aufs Bett. Sieben Personen sind gekommen, um meine knapp 28 Quadratmeter zu durchsuchen. Da bleibt kaum ein Stehplatz. »Was haben wir denn hier …« sagt ein Polizist in zivil wie ein Vorschulkind zu Ostern. »Das nehmen wir alles mit, bau’ mal die erste Kiste zusammen«. »Die erste« denke ich, »da wird ja nicht viel übrigbleiben«. In Gedanken sehe ich mich schon die nächsten zwei Jahre mit diesem Schlafanzug in der Vorlesung sitzen. »Das ist auf jeden Fall verboten« schallt es durch den Raum. Der gute Mann hält ein Buch in der Hand, das nicht erst ein politisches System auf deutschem Boden überlebt hat. »Wollen Sie sich dazu äußern?« zischt der edle Finder mir zu. »Ich werde es wiederbekommen« sage ich nüchtern, während ich den nächsten Joghurtbecher öffne und aus dem Fenster schaue. Komisch, da steht ein Fernsehteam. Zu wem die wohl wollen um diese Zeit? Ich kann es ja nicht sein, denn meine Sache war bis vor einer Viertelstunde streng geheim.

Während jedes Hemd, jede Socke, jedes Buch und jede CD aufmerksam angeschaut und meistens danach in eine Kiste gepackt wird, lese ich ein paar Seiten der soeben erhaltenen Lektüre. Ich staune, welche Straftaten man mir vorwirft. Ein Gericht kenne ich jedenfalls nur durch ein Schülerpraktikum von innen. Vielleicht werden Strafverfahren mittlerweile aus Kostengründen nicht mehr durchgeführt, sondern die Straftaten kommen direkt in meine Akte, auf dass ich mich zu gegebener Zeit dazu äußere? Klingt ökonomisch und vernünftig. Die Idee könnte von Helmut Kohl sein, denn der verschenkte ja angeblich hunderttausend deutsche Panzer an Polen, damit man sie hierzulande nicht mehr warten müsse.

Jedenfalls staune ich doch sehr, wer alles in meinem Verein ist. Die Namen sagen mir jedenfalls zu 90% gar nichts. Ein Vereinskamerad soll wegen Kinderpornografie vorbestraft sein. Ich muss unweigerlich an einen Bekannten denken. Bei dem haben die Profis vor ein paar Jahren ein Fotoalbum mit Nacktbildern kleiner Jungs mitgenommen. Erst ein Richter ließ sich nach einigen Wochen davon überzeugen, dass mein Bekannter selbst der gepeinigte kleine Junge war – vor 15 Jahren. Seine Eltern haben netterweise kein Strafverfahren bekommen, aber das hätte ins Auge gehen können. Ich werde jedenfalls Fotos meiner Kinder beim Baden später stets vorsorglich zensieren.

Im Radio wird die Durchsuchung gemeldet. Über 200 Polizisten, »da geben sie das wieder aus, was sie bei meinen Strafverfahren gespart haben«, denke ich. Und hier hätten auch zwei statt der sieben genügt. »Unterschreiben Sie mal hier …« sagt man mir. »Ich unterschreibe heute nichts mehr« sage ich. Der Herr ist genervt, denn er weiß offenbar nicht, wie er mir ohne meine Unterschrift all die schönen Briefe wirksam zustellen soll. Ich merke, dass hier Fachkräfte am Werk sind. »Vielleicht sind es mehr die Techniker«, denke ich. Aber auch da werde ich enttäuscht. »USB-Stick, gelb« diktiert einer fürs Protokoll, während er einen leeren SD-Karten-Adapter in eine Tüte steckt. »Wo ist denn hier der Rauter?« Fragt einer. Vor seinen Füßen blinkt und blinkt es vor sich hin. Wahrheitsgemäß eröffne ich ihm, dass ich keinen ›Rauter‹ habe. Damit gibt er sich erst zufrieden, als er nochmal alle Kabel, die vom Router weg führen, aufmerksam verfolgt hat. Der Zeuge vom Ordnungsamt muss ein Lachen unterdrücken, aber er sagt kein Wort. Darüber freue ich mich – zum ersten mal seit dem Aufstehen.

Irgendwann ist alles verpackt. »Hier ist das Protokoll, die Anlage zu dem Sicherstellungsbescheid«. Ich lese, dass die Dinge aus der Asservatenliste als Vereinsvermögen anzusehen sind. Das kommt mir so absurd vor, dass ich laut auflachen muss. Grimmig nimmt einer der Heimsucher es zur Kenntnis, aber er spricht mich nicht mehr an. Nachdem er sein Protokoll um die Namen der anderen ergänzt hat, ziehen sie von dannen. Es ist schon fast neun Uhr – die Zeit verging wie im Flug. Wenn ich auf die nächsten Klausurergebnisse warte, sollte ich so was mit Freunden durchspielen. Draußen versucht eine penetrante Reporterin, meine Nachbarn zu befragen. Ich rufe erst mal ein paar Freunde an, die nicht auf der Vereinsliste stehen, und verabrede mich zum Frühstück.

Ich berichte von der morgendlichen Aktion. Aus meinen politischen Ansichten und Aktivitäten habe ich nie einen Hehl gemacht. Einer ist so nett und spendiert mir ein belegtes Brötchen. Die Vereinskasse sei ja leider eingezogen worden, scherzt er, aber er bekomme es ja zurück, wenn das geklärt sei. Da er bisher nur stiller Sympathisant ist, meint er, dass es ja wohl nur eine Frage von ein paar Tagen sein könne, bis ein Richter dem Herrn Dr. … vom Innenministerium seinen Wisch um die Ohren haut. Ich freue mich über das Brötchen, ahne aber, dass es ein Geschenk bleiben wird.

Mauerbluemchen

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