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Filed under: Multikulti — von Volksgenosse @ ´

Nasir M. ist 21, kommt aus Pakistan und steht vor Gericht. Er hat Asyl beantragt und muss nun seine Geschichte erzählen. In Pakistan hätte er nichts gehabt – kein Leben, keine Zukunft. Seine Mutter hat ihm gesagt, er soll gehen; am besten nach Deutschland, denn dort ist es am schönsten. Der Richter fragt, wie er nach Deutschland gekommen sei und Nasir M. kommt ins stocken. Er senkt den Blick und erzählt dem Richter, das wisse er nicht so genau. Er sei in Pakistan eingeschlafen und in Deutschland aufgewacht. Ein Recht auf Asyl hat er nicht, sein Antrag ist abgelehnt. Er muss zurück in das Asylbewerberheim im Chemnitzer Stadtteil Ebersdorf. Eigentlich würde man ihn jetzt abschieben, aber bei Nasir ist das nicht möglich: Pakistan nimmt einmal Geflohene nicht wieder auf.

Wir machen uns auf nach Ebersdorf und wollen uns die Situation vor Ort anschauen, mit den Leuten reden. Von der Frankenberger Straße biegen wir nach links in die Huttenstraße. Eine beschauliche Einfamilienhaussiedlung und viel Grün. Noch vor den ersten hundert Metern kommen wir uns vor, wie in einer Parodie: Am linken Straßenrand uriniert ein Afrikaner in einen Vorgarten. Nach fünfhundert Metern biegen wir wieder nach links ab, sind jetzt im Adalbert-Stifter-Weg und kurz vor dem »Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge«, so die offizielle Bezeichnung. Ab hier sichern hohe Zäune mit Stacheldraht die rechte Wegseite. Dahinter stehen fünf beige Wohnblöcke. In ihnen Wohnen Menschen, die vor der Not oder der Regierung in ihrem Heimatland fliehen mussten – sollte man meinen. Wir steigen aus.

Sofort werden wir angestarrt. Die Wärter aus dem Häuschen richten ihre Blicke auf uns. Vor dem Drehkreuz stehen einige Ausländer mit vollen Beuteln, sie sehen unsere Kamera und die Blicke werden finster. Wir wollen einfach geradeaus fragen, wissen, wie sie die Situation beurteilen, doch dazu kommt es nicht. Sie wollen oder können nicht mit uns reden, die Wärter schicken uns weg, ohne offiziellen Termin geht hier gar nichts. Wir steigen ein und fahren ein Stück zurück.

Eine Stunde zuvor organisierten PRO Chemnitz und das Online-Magazin Blaue Narzisse einen Vortragsabend in der Innenstadt. Anwesend sind hauptsächlich Bürger aus Ebersdorf und den umliegenden Stadtteilen. Nach dem ersten Vortrag wollen sie sich endlich Luft machen und es ist schwer, wieder Ruhe reinzubringen. Eine ältere Frau zeigt ein Bild von ihrem zerstörten Briefkasten herum. Sie wohnt keine zweihundert Meter Luftlinie von dem Asylbewerberheim entfernt. Es ist ihr dritter Briefkasten in einem Jahr. Sie ist wütend, aber hilflos. So geht es allen hier.

Martin Kohlmann von der Fraktion PRO Chemnitz ist der zweite Referent. Er ist kein Anwohner, durch seine Arbeit im Stadtrad aber mit der Situation vertraut. Er bringt die Zahlen über einen Stadtteil, in dem Nachts nur noch stämmige und extra geschulte Busfahrer eingesetzt werden. Abgesehen vom Stadtzentrum werden in keinem anderen Stadtteil mehr Straftaten begangen, als in Ebersdorf. Hier steht das Asylbewerberwohnheim. Auf Platz drei und vier liegen Furth und Hilbersdorf, die Nachbarstadtteile. »PRO Chemnitz hätte«, so Kohlmann, »schon oft Anträge bei der Stadt zum Thema eingereicht, aber die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig verwies immer auf die Nichtzuständigkeit der Stadt«. Für die Stadt hat sich das Problem damit vorerst erledigt. Und außerdem: Für die Stadt ist die Situation in Ebersdorf sowieso kein Problem.

Die Anwohner haben Angst. Einer fragt Martin Kohlmann, was man denn tun könne. Während er kurz überlegt, sagt eine Frau weiter hinten »Wir müssen uns bewaffnen!«. Ihr Kopf liegt in ihren Händen. Sie lässt ihn ein wenig sinken, ihre Hände reiben die Stirn, ehe sie sich aufrichtet. »Wissen Sie, ich wohne seit fast dreißig Jahren hier, aber was da mit uns passiert, das … das ist einfach nicht auszuhalten«. Andere pflichten ihr bei. Martin Kohlmann schlägt neben einer Petition, um die sich seine Fraktion kümmern werde, eine Bürgerpatrouille vor. Die Anwohner nicken, aber wer soll das machen, wenn sich nicht mal mehr die 20-jährigen Nachts auf die Straße wagen?

Nach einem neuen Beschluss sollen schon bald alle Asylbewerber, die Sachsen vom Bund zugeteilt werden, in das Asylbewerberheim in Chemnitz. Es soll angebaut werden, denn künftig würden dann ständig 700 Asylbewerber im Nordwesten von Ebersdorf wohnen. Eine Zahl, die die Anwohner verzweifeln lässt.

Wir laufen ein Stück, es dämmert und wir wollen ein paar Haltestellen mit dem Bus der Linie 21 fahren. Uns kommt ein junger Mann entgegen, vielleicht so alt wie wir. Er könnte aus Pakistan kommen. In seinem Mund eine Zigarette, tastet er seine Taschen ab. Als wir an ihm vorbeilaufen, fragt er freundlich und in einem guten Deutsch, ob wir ihm bitte Feuer borgen könnten. Wir sind Nichtraucher und müssen Verneinen. Er bedankt sich, lächelt ehrlich und verabschiedet sich mit einem freundlichen »Ciao!«.

Mauerblümchen Chemnitz

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